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Gefängnis Granja Penal

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An einem Montag gehe ich mit den beiden Ordensschwestern Ines und Maria Jesus (aus Spanien) in das örtliche Gefängnis. Mir ist schon etwas mulmig zu Mute, hoffentlich lassen mich die Wärter wieder raus, hoffentlich stechen mich die Gefangenen nicht ab, wenn sie meine Kamera sehen. Und auf die möchte ich natürlich nur ungern verzichten.
Also melden wir uns beim Direktor und wollen um Dreherlaubnis fragen. Leider ist er wie üblich nirgends auffindbar, jä nu, wir gehen nun davon aus, dass Filmen erlaubt ist.
Schon der Eingang ist speziell: in der Ecke ist eine Einzelverschlag mit einem Mann drin. Den könnten sie nicht zu den anderen Gefangenen lassen, da er sogleich ermordet würde. Keine Ahnung, was der angestellt hat.
Das innere des Gefängnisses ist ein Abbild der Welt draussen. Überall kleine Stände, an denen gutes und sauberes Essen verkauft wird, oder sonstige Sachen, Schmuck, Kleider usw. Alles durch Gefangene, und auf ihre eigene Rechnung. Die Menukarte des Restaurants ist grösser als diejenige der meisten Lokale ausserhalb.


Video direkt von der Granja Penal: rechts Klicken um das Video auf den eigenen PC herunterzuladen (196 MB)

Es gibt zwei offizielle Werkstätten in denen die Häftlinge arbeiten können: eine Schreinerei und eine Schneiderei. Beide machen Sachen auf Auftrag, von extern oder intern. Von den Arbeiten in den Werkstätten machen nur etwa 10% Gebrauch. Die anderen betreiben irgend ein Geschäft, spielen Fussball auf einem normal grossen Fussballfeld, oder hängen herum. Einer hat drei Arbeiter, welche für ihn wirklich schönen Schmuck aus Kokosnuss-Schalen anfertigen. Er verkauft ihn dann nach aussen. Der Chef hat eine superteure Akkubohrmaschine, die sogar mich gluschtig macht. Fünf Kerle spielen an einem Tisch etwas Pokerähnliches. Alle mit dicken Geldbündeln in den Händen. Erinnert mich an Monte Carlo.
anklicken zum Vergössern Die üblichen Schlafabteile beherbergen je 20 Personen, in 4 stöckigen Kajütebetten. In einem Raum haben sie alle Betten schön in passende Tücher eingehüllt, es sieht aus wie in einem Boudoir eines Ölscheichs. Pro Abteil gibt es ein angrenzendes WC, super sauber, besser als in jeder Busstation (in Honduras wenigstens). Total beherbergt das Gefängnis etwa 500 Personen. Wenn man genug zahlt, kann man auch ein Einzelzimmer mieten. Darin kann man Samstag/Sonntag auch seine Frau einladen. Weniger Privilegierte treiben es mit ihren Frauen anscheinend auf dem Fussballfeld. Einer mit Geld hat eine Superstereoanlage und einen grossen TV-Flachbildschirm. Computer gibt es keine (ausser einem im Schulungsraum), Internet schon gar nicht, da eine Verbindung nach aussen nicht erlaubt ist. Das Gespräch mit diesem Häftling wird dauernd von (externen) Anrufen auf sein Handy unterbrochen.
Irgendwo fabriziert eine andere Gruppe (auch wieder auf eigene Rechnung) Hängematten. Dünne Schnüre drehten sie mit einem vorsintflutlichen Rad zu dickeren, und flechten daraus Hängematten. Sie arbeiten wie wild, jeder Schweizer Unternehmer hätte seine wahre Freude an so schnellen Arbeitern. Natürlich brauchen die Gefangenen Werkzeuge damit sie sinnvoll arbeiten können. Einmal habe ich einem Besucher zugeschaut, der eine Metallsäge mitgebracht hat (!). Etwas komisch in einem Gefängnis, aber es funktioniert.


Es gibt auch einen Schulungsraum. Gemäss Daniel, dem zuverlässig wirkenden Organisator aller Gefangenen (ist aber auch selber Gefangener, d.h. was der Direktor macht ist unklar) stammen alle Gefangenen grundsätzlich aus armen, ungebildeten Verhältnissen. Auf meine Frage, wo denn die vermögenden Gefangenen seien wird nur gelacht, das gibt es nicht. Die kaufen sich los.



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Schwester Ines macht eine Alphabetisierungskampagne und bringt etwa fünf Personen Lesen und Schreiben bei. Sie trägt keine Nonnenkutte, sondern normale Kleider. Sie meint, die Kutte macht noch keine Nonne, aber sie hilft (es zu bleiben). Im Schulungsraum fängt morgen ein neues Semester an: Primarschule, Sekundarschule. Lehrer sind irgendwelche Gefangenen, die das können. Täglich wird dort auch ein Englischkurs für fünf Teilnehmer gegeben. Sogar einen PC haben sie dort, gestiftet von einer Bekannten von Schwester Ines. Leider gibt es im ganzen Gefängnis keinen, der ihn richtig bedienen kann. Der Verantwortliche für den PC weiss nicht einmal, wie man ein Fenster auf dem Bildschirm vergrössern kann. Seit einem Jahr steht er dort, ungebraucht.


Einmal fragt mich Schwester Ines, was denn meine Frau für eine Ausbildung hätte. Schneiderin! Sie war begeistert, und sah sie schon Kurse geben im Gefängnis. Ich entgegne, zwei Gründe würden Margrith abhalten nach Honduras zu kommen: das Spanisch und die Kriminalität.
Ines lacht, hier gäbe es doch keine Kriminalität!
Das Lustige daran, effektiv, im Gefängnis selber gibt es (fast) keine Kriminalität, aber ausserhalb lebt man gefährlich.



anklicken zum Vergössern Dieses schöne Bild beruht auf meinen subjektiven, persönlichen Eindrücken während meines Gefängnisaufenthaltes von einer Woche. Objektiv gibt die Statistik Auskunft: Honduras hat mit etwa gleichviel Einwohnern wie die Schweiz etwa 200 mal mehr Tötungsdelikte, von denen kaum je eines aufgeklärt wird. Honduras war damit 2014 das gefährlichste nichtkriegsführende Land der Welt. Gründe hierfür sind das praktisch inexistente Justizsystem, der Funktion als Durchgangskorridor für Drogen vom Süden Richtung USA, und die Armut, welche Anlass für die Maras gab, gewalttätige Banden mit mafiöser Struktur und mehr als 100'000 Mitgliedern. Sie sind durch Tatoos gekennzeichnet, so dass sie nie mehr von ihrer Bande loskommen. Es ist bekannt, dass die Organisation innerhalb der Gefängnisse solchen Maras untersteht. Kommt ein Mara irrtümlicherweise in ein Gefängnis einer generischen Bande, wird er gelyncht. Als Eintrittsprüfung in eine Bande wurde einmal verlangt, willkürlich zwei zufällige Passanten zu töten.

Video des Schweizer Fernsehens in der Rundschau vom 10. Sept. 2014 über die Maras in Honduras: rechts Klicken um das Video auf den eigenen PC herunterzuladen (47 MB)

Computerkurs im Gefängnis

Da ich Schwester Ines erzählt hatte, ich würde noch 40% als Informatiksupporter arbeiten, war die nächste Frage natürlich naheliegend, ob ich den interessierten Gefangenen nicht einen PC-Grundkurs geben könnte.
Den letzten Kurs gab ich an der ETH, den nächsten in einem Gefängnis von Honduras. Ob das ein Aufstieg oder ein Abstieg ist, ist mir noch nicht ganz klar.
Die Atmosphäre im Gefängnis ist entspannt und gemütlich. Weniger gemütlich ist die Unterredung mit dem Direktor, den wir um die Erlaubnis für den Kurs fragen. Er sitzt wie eine Kröte hinter seinem Pult. Er weiss nicht einmal, dass im Schulungsraum ein PC steht. Später erfahre ich, dass er nie zu den Gefangenen rein geht. Als er das vom PC hört, meint er, dieser gehöre unter seine Verwaltung, wir müssten ihn rausbringen (wahrscheinlich direkt zu ihm nach Hause, hofft er?).



Etwas mehr als eine Woche gebe ich dann einen Anfängerkurs für die Bedienung eines PCs . Am Anfang sind es acht Schüler, alle begeistert. Nach einer Stunde nimmt die Konzentrationsfähigkeit aber jeweils rapid ab, und am dritten Tag kommen nur noch die Hälfte, dafür vier neue. Und so ging es weiter. Nur drei hielten das ganze Pensum durch.
anklicken zum Vergössern Der erste namens Nicolas ist der Chef Ausbildung des Gefängnisses (ich spreche hier nur immer von den Gefangenen, denn Wächter lassen sie den ganzen Tag nie rein), ca. 35-jährig. Er hielt mir einen Vortrag über die Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Judikative, wie wir sie in der Schweiz seit Napoleon kennen. Er hat die Wichtigkeit dieser Trennung ganz klar erkannt, aber was Blocher bei uns vergeblich versuchte, erreicht die Geldelite hier mit Erfolg dank Korruption. Ich habe Nicolas zugeschaut, wie er eine Gruppe in Rechnen unterrichtete. Aber nicht nur Rechnen, er fügte Beispiele ein aus Zoologie, Geografie und weiss ich was. Bei uns heisst das Fach Mensch und Umwelt. Er machte das wirklich super, sprach jeden direkt an und verlangte Feedback zur Kontrolle, ob sie es verstanden hätten.
Beim Abschied frage ich ihn, wie lange er denn schon da sei: 12 Jahre !! Unglaublich, wahrscheinlich hat er sich alle seine Kenntnisse durch Lesen im Gefängnis angeeignet. Er hofft dieses Jahr noch rauszukommen, Mañana Dios, sagt er, so Gott will (das sagen alle, anscheinend ist es nicht so klar wie lange jemand absitzen muss).
Zusatz von 2013: Anscheinend flüchtete Nicolas 8 Monate vor Beendigung seiner Strafe! Dies bedeutet, dass er und seine Familie sich für den Rest ihres Lebens verstecken müssen (falls sie in Honduras bleiben)!!



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Der zweite, der durchgehalten hat, heisst Herin (auf dem Bild sein Stiefelsortiment).
Er hat Geld. Über Mittag lädt er mich stets zum Essen in sein Zimmer ein. Er hat einen eigenen Koch engagiert. Wir essen besser als die meisten Honduraner, immer mit Fleisch. Das gratis abgegebene Essen könne man nicht essen, meinte er, zudem ist das offizielle Menu ziemlich eintönig, einmal Tortillas mit Frijoles (Bohnen), und das andere Mal Frijoles mit Tortillas.



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Der dritte, der durchgehalten hat, heisst Miguel. Er hat kein Geld, und darum ist er auf den Kurs angewiesen, da er nachher bessere Chancen auf eine Arbeit hat. Mindestens so wichtig wie der Kurs ist die Abgabe eines Diploms.



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© P. Fritz,